Schaltsekunde: Warum eine Minute 61 Sekunden hat
Eine Schaltsekunde ist eine zusätzliche Sekunde, die am Ende eines 30. Juni oder 31. Dezember in die koordinierte Weltzeit UTC eingefügt wird, damit die Atomzeit nicht von der Erdrotation wegläuft. Die letzte Minute eines solchen Tages zählt dann 23:59:59, 23:59:60, 0:00:00 – sie hat 61 Sekunden. Zuletzt geschah das am 31. Dezember 2016.
UTC und UT1: zwei Zeiten, die auseinanderlaufen
Seit 1967 ist die Sekunde über eine Schwingung des Cäsium-Atoms definiert, und rund 450 Atomuhren weltweit bilden die Internationale Atomzeit TAI. Die Erde hält sich nicht an diesen Takt: Ihre Rotation wird durch die Gezeiten langfristig gebremst und schwankt kurzfristig durch Vorgänge im Erdinneren, in Ozeanen und Atmosphäre. Die aus der Erddrehung abgeleitete Weltzeit UT1 fällt deshalb gegenüber der Atomzeit zurück – warum, erklärt die Seite Warum hat ein Tag 24 Stunden?.
Die koordinierte Weltzeit UTC läuft im Atomtakt, darf aber laut Vereinbarung höchstens 0,9 Sekunden von UT1 abweichen. Der Internationale Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS) in Paris misst die Differenz und kündigt in seinem Bulletin C ein halbes Jahr vorher an, ob eine Schaltsekunde nötig ist. Seit 1972 wurden 27 Schaltsekunden eingefügt, immer positive; die theoretisch mögliche negative Schaltsekunde (eine Minute mit 59 Sekunden) gab es noch nie. TAI liegt heute 37 Sekunden vor UTC: 10 Sekunden Ausgangsversatz von 1972 plus 27 Schaltsekunden. Wie UTC und die deutsche Zeit zusammenhängen, steht unter UTC und GMT: Was ist der Unterschied?.
Alle Schaltsekunden seit 1972
| Zeitraum | Jahre mit Schaltsekunde | Anzahl |
|---|---|---|
| 1972–1979 | 1972 (30. Juni und 31. Dezember), 1973, 1974, 1975, 1976, 1977, 1978, 1979 | 9 |
| 1980–1989 | 1981, 1982, 1983, 1985, 1987, 1989 | 6 |
| 1990–1999 | 1990, 1992, 1993, 1994, 1995, 1997, 1998 | 7 |
| 2000–2009 | 2005, 2008 | 2 |
| 2010–2019 | 2012, 2015, 2016 | 3 |
| 2020–2026 | keine | 0 |
Von 1972 bis 1979 wurde fast jedes Jahr geschaltet, danach seltener. Seit 2020 dreht sich die Erde vorübergehend etwas schneller als im langjährigen Mittel, sodass keine weitere Schaltsekunde nötig war. Alle Schaltsekunden lagen am 30. Juni oder 31. Dezember, nur 1972 gab es zwei in einem Jahr. Die von 2016 wurde in Deutschland am 1. Januar 2017 um 0:59:60 Uhr MEZ eingefügt, weil MEZ der UTC um eine Stunde vorausgeht.
Wie die 61-Sekunden-Minute in Deutschland ankommt
Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig ist für die gesetzliche Zeit zuständig und verbreitet sie über den Langwellensender DCF77. Das Zeitsignal kündigt eine bevorstehende Schaltsekunde eine Stunde vorher mit einem eigenen Bit an, sodass Funkuhren die zusätzliche Sekunde korrekt einfügen. Computer beziehen ihre Zeit über das Netzwerkprotokoll NTP; viele Betriebssysteme und Rechenzentren „verschmieren“ die Sekunde über mehrere Stunden, statt eine 23:59:60 zu zeigen, weil Software mit einer 61-Sekunden-Minute oft nicht umgehen kann. Genau solche Ausfälle bei Schaltsekunden waren ein Hauptargument für die Abschaffung.
- Schaltsekunden seit 1972
- 27
- letzte Schaltsekunde
- 31. Dezember 2016
- Toleranz UTC − UT1
- max. 0,9 s
- TAI − UTC
- 37 s
- Abschaffung beschlossen
- CGPM 2022, spätestens 2035
Abschaffung bis 2035
Die 27. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) beschloss im November 2022 in Versailles, die zulässige Abweichung zwischen UTC und UT1 spätestens 2035 so weit zu vergrößern, dass für mindestens ein Jahrhundert keine Schaltsekunde mehr nötig ist. Wie der Ausgleich danach aussieht – etwa eine Schaltminute in ferner Zukunft –, soll bis 2035 festgelegt werden. Bis dahin bleibt das bisherige Verfahren in Kraft; ob vor 2035 noch eine Schaltsekunde eingefügt wird, hängt von der Erdrotation ab (Stand September 2026).
Die Schaltsekunde ist die kleinste Korrektur im Kalender. Größere Ausgleiche kennen Sie vom Schaltjahr mit seinem 29. Februar, das ein Jahr um 1.440 Minuten verlängert – nachgerechnet unter Wie viele Minuten hat ein Schaltjahr?. Weitere Erklärungen rund um Uhr und Kalender sammelt die Rubrik Zeitwissen.
Wann ist die nächste Schaltsekunde?
Stand September 2026 ist keine angekündigt. Der IERS gibt die Entscheidung jeweils im Januar und Juli im Bulletin C bekannt, rund sechs Monate vor dem möglichen Termin.
Hat ein Jahr mit Schaltsekunde 31.536.001 Sekunden?
Ja, ein Gemeinjahr mit einer Schaltsekunde hat 31.536.001 Sekunden statt 31.536.000; 2016 als Schaltjahr mit Schaltsekunde kam auf 31.622.401 Sekunden.
Muss ich meine Uhr bei einer Schaltsekunde stellen?
Funkuhren und über das Internet synchronisierte Geräte übernehmen die Sekunde automatisch. Eine Quarzuhr weicht ohnehin um mehrere Sekunden im Monat ab, sodass eine einzelne Sekunde dort nicht auffällt.